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Telekom-Experte: -Auch ich habe Angst-

Bürger machen gegen Mobilfunksender der Telekom mobil / Notfalls auch Klage vor Gericht       VON UNSEREM REDAKTEUR HANS SCHERRER

PENTLING. Ist die Strahlenbelastung, die von Mobilfunkstationen ausgeht, gefährlich für die Gesundheit? Diese Frage war Thema einer Bürgerinformationsveranstaltung in Pentling. Ergebnis: Trotz beschwichtigender Aussagen seitens der Vertreter der Telekom bestehen die Bürger auf der Verlegung eines erst kürzlich errichteten Sendemastes.

Peinlichkeit zum Auftakt des Abends: Stefan Ulrich von der Deutschen TelekomMobilNet GmbH aus Nürnberg hatte eine Folie auf den Tageslichtprojektor gelegt, die einen falschen Standort der Antenne darstellte. Vergeblich sein Versuch, die aufgebrachten Burger mit dem Hinweis zu beschwichtigen, die Skizze sei nur -symbolisch- zu verstehen. -Ihre Informationen müssen faktisch stimmen-, wurde ihm beschieden. Dass Ulrichs Kollege, Dipl.-ing. Gerhard Schwarz, das Versäumnis einräumen musste, die Bürger nicht rechtzeitig informiert zu haben, trug auch nicht zur Vertrauensbildung bei. Und die Leinwand-Projektion der Genehmigung seitens der Regulierungsbehörde erwies sich als weiterer Schuss in den Ofen, als das Datum sichtbar wurde: 1. 10. 1999. -So ist das also: Erst errichten Sie die Anlage und dann lassen Sie sie genehmigen? Toll!-, meinte ein Zuhörer sarkastisch.

Dass Mobilfunk (telefonieren mit Handys) eine gigantische Wachstumsbranche sei, wie Ulrich versicherte, interessierte die Anwesenden nicht. Den Anliegern ist laut Dr. Wilhelm Bomke, dem Initiator der Diskussionsveranstaltung, vielmehr daran gelegen, dass -der Sender in größerem Abstand zu unserem Wohngebiet stehen soll-. Derzeit befindet sich die Anlage - höchst unauffällig installiert - an der Autobahnbrücke Rotsäulenweg/Hadamarstraße im Grenzbereich zwischen der Stadt Regensburg und der Gemeinde Pentling, -einem Gebiet, in dem die Belastung durch Strahlung elektromagnetischer Felder sowieso sehr groß ist.- Denn hier befinden sich auch der Fernsehsender und ein Polizeisender, so dass nach dem Willen der Anlieger -kein weiterer potentiell gesundheitsgefährdender Sender mehr in Betrieb genommen werden soll.-

Verdoppelung erwartet

Die jetzt errichtete Anlage, so ließen die Telekom-Leute wissen, diene der Verbesserung der T-D1-Versorgung auf der Autobahn. Weil auch dort Bedarf für eine bessere Versorgung mit T-D1-Mobilfunk bestehe, -errichten wir als Betreiber des T-D1-Netzes eine Mobilfunkstation auf dem Grund der Autobahnmeisterei. -Und wenn-, so eine Zwischenfrage, -im nächsten Jahr das Telefonieren während des Autofahrens verboten wird?- Dann, so die Antwort, habe die Telekom eine große Fehlinvestition getätigt. Allerdings würden 20 Millionen Menschen in Deutschland schon heute ein Handy benutzen. -Bis zum Jahr 2001 erwarten wir -selbst bei kritischer Betrachtung - eine Verdoppelung der Kundenzahlen-, teilte Ulrich mit. Um diesem gewaltigen Bedarf auch gewachsen zu sein, müssten die Mobilfunknetze weiterhin ausgebaut werden. Auch das interessierte die Bürger nicht, sondern allein die Frage, ob durch diese Technologie eine Gefährdung der Gesundheit drohe.

-T-Mobil ist der Überzeugung, dass gesundheitliche Auswirkungen, auch mögliche Langzeitwirkungen, durch die Mobilfunktechnik ausgeschlossen sind-, sagte Ulrich und berief sich auf -führende Fachleute und internationale Gremien- sowie die durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgelegten Grenzwerte, denen er selber -rückhaltlos vertraue, sonst wäre der Aufbau und Betrieb des Mobilfunks weder moralisch noch haftungsrechtlich vertretbar.-

-Grenzwerte sind überholt-

-Bedeutet dies, dass die Häuser in hundert Meter Entfernung einer solchen Anlage absolut strahlenfrei sind?-, wollte Pentlings Bürgermeister Gerhard Klier als Leiter der Informationsveranstaltung wissen. -Genau das-, antwortete Ulrich. Etwas zu voreilig, denn nun gab es heftigen Einspruch von Siegfried Zwerenz, Vorstandssprecher der -Bürgerwelle-, dem Dachverband der Bürger und Initiativen zum Schutz vor Elektrosmog, der als weiterer Referent geladen war. Unter dem Druck der Argumente musste Ulrich einräumen, -dass nach hundert Metern eine Strahlenschwäche besteht, die keine Gefährdung der Gesundheit mehr darstellt.-

Die -Bürgerwelle- sei selbstlos tätig und verfolge keine eigenwirtschaftlichen Zwecke, betonte Zwerenz zu Beginn seines Referates, während die meisten Gutachten der Telekommunikationsbranche von der Industrie bezahlt und entsprechend abhängig in ihrer Aussage seien. Davon sei auch die Telekom nicht ausgenommen, meinte Zwerenz mit Hinweis auf Prof. Dr. Peter Semm, Entdecker des Melatonins, der jahrelang für die Deutsche Telekom geforscht habe. Bereits 1995 habe Semm festgestellt, dass bei Bestrahlung mit gepulster Hochfrequenz (D-Netz 900 MHz), weit unterhalb der offiziell festgelegten Grenzwerte, 60 Prozent der Nervenzellen falsch reagieren. Dieses Ergebnis habe er der Telekom mitgeteilt, ohne dass das Unternehmen reagiert hätte. Daraufhin gab er sein Handy weg. -Wenn jemand mit einem Handy telefoniert, gehe ich mindestens fünf Meter weg-, sagte Semm auf einem Informationsabend im Januar 1999 in Frankfurt. Und: -Ich würde mein Kind nicht in einen Kindergarten schicken, wenn dort in 250 Metern Entfernung eine Mobilfunksendeanlage steht.- Dass Semm seinen Job bei der Telekom aus diesen Gründen aufgegeben habe, -macht ihn für mich als Wissenschaftler glaubhafter-, betonte Zwerenz und fügte hinzu, dass auch die Grenzwertediskussion fragwürdig verlaufe.

Denn die Behörden gingen davon aus, dass Strahlung nur dann schädlich sei, wenn auch das Körpergewebe erwärmt werde. Dies aber sei erwiesenermaßen falsch, hatten doch zahlreiche Wissenschaftler bei einer Fachkonferenz im Oktober 1998 erklärt, dass es zweifellos athermische Wirkungen bzw. -biologische Effekte im Niedrigdosisbereich- gibt, sprich: gravierende biologische Wirkungen, ohne dass sich das Körpergewebe erwärmt. Zwerenz: -Der Körper reagiert also auch auf Strahlungsintensitäten, die zig-hunderttausendfach unter den festgelegten Grenzwerten liegen.- Somit seien die festgelegten Grenzwerte bereits überholt.

Erwiesen sei, dass gepulste Hochfrequenzen an der Begünstigung und Auslösung von Schlafstörungen beteiligt sind, ebenso an Allergien. Blutbild Veränderungen, Hcrzrhythmusstörungen, Immunschwäche, Gehirnschädigungen. Potenzstörungen, Kopfschmerzen. Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Migräne, beschleunigtes Krebswachstum etc. Hierfür gäbe es eine Vielzahl seriöser Untersuchungen.

-Die Anlage wieder kippen-

Bereits jetzt zeigten sich täglich mehr Probleme bei Mensch und Tier nach der Installation von Mobilfunksendeanlagen. Der Mensch reagiere nachweislich auf Strahlungsintensitäten, wie sie noch in mehreren Kilometern Entfernung von Sendeanlagen erreicht werden. Darauf würden auch schon die ersten Kommunen reagieren, zum Beispiel Aschaffenburg, wo auf Grund eines Stadtratsbeschlusses städtische Gebäude künftig für Mobilsendeanlagen tabu seien.

Nach diesen Ausführungen sei er geneigt, eher der Aussage von Zwerenz zu glauben als den Vertretern der Telekom, stellte CSU-Ortsverbandvorsitzender Josef Haberl fest und forderte dazu auf, diese Problematik zu politisieren. Vorrangiges Ziel müsse sein, eine Möglichkeit zu finden, -wie wir diese Anlage wieder kippen können-, meinte Haberl unter dem Beifall der Bürger. Hierbei sollten auch die örtlichen Mandatsträger in den Parlamenten eingebunden werden. Und Gerhard Schwarz von der Telekom fügte hinzu, -dass auch ich nach diesem Vortrag Angst habe-.

Man sollte sich an die Autobahnmeisterei als Grundstückseigentümer der Sendeanlage wenden, meinte Zwerenz auf die Frage, wie sich die Bürger am effektivsten wehren könnten. Denkbar sei auch eine Klage vor Gericht selbst dann, wenn noch keine Gesundheitsschädigungen nachweisbar seien. Es genüge, auf die Risiken für die Gesundheit hinzuweisen. Auch könne man eine Wertminderung seiner Grundstücke geltend machen.

Als vorläufige Kompromisslösung will sich Bürgermeister Gerhard Klier zusammen mit der Telekom vor Ort erst einmal nach einem geeigneteren Standort für die Anlage umsehen.

Mittelbayerische Zeitung 07.10.99

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